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Nach dem Siegeszug des Fernsehens ab den 1960er Jahren galt dieses als modern und das Radio als veraltet. Grund für diese Einschätzung war, dass das TV-Gerät gegenüber dem Radio durch die Ergänzung des visuellen Elements als überlegen eingestuft wurde. Das Radio dagegen wurde durch denselben Grund als defizitär wahrgenommen. Die eigenen Sofas nach dem Radio auszurichten, galt als Lebensstil der 1930er Jahre, während man sich zu der Zeit lieber um den Fernseher versammelte, der größere Genüsse und ein besseres Unterhaltungsangebot anzubieten schien. Doch nachdem sich das Fernsehen in der Gesellschaft durchgesetzt hatte, starb das Radio nicht aus. Die Hörer des Rundfunks schätzten, dass sie nebenher noch andere Sachen machen und die Musik aus dem Radio dabei auf sich einwirken lassen konnten. Andere Hörer liebten es, ihre persönliche Musiksammlung um günstige Angebote zu ergänzen. Sie kauften sich Leerkassetten und nahmen mit ihnen die schönsten Songs auf, die gerade im Radio liefen. Auch damals genügte dafür nur ein Tastendruck (der Rekord-Taste, die zusammen mit der Play-Taste gedrückt werden musste).

Der erste Anlauf des Internetradios

Vor der Jahrtausendwende setzte ein Hype um die sogenannte „New Economy“ ein. Es war eine Art Goldgräberstimmung, denn das neue Medium des Internets verhieß für Freizeit und Karriere unbegrenzte Möglichkeiten. Neue Internetfirmen schossen wie Pilze aus dem Boden und der damals jugendliche Christian Lindner war nicht der Einzige, der für seine eigene Karriere auf das neue Pferd Internet setzte. Neue Konzepte des digitalen Radios wie das Info-Radio on Demand entstanden, das 1995 in Zusammenarbeit des Info-Radios Berlin-Brandenburgs mit der TU Berlin ins Leben gerufen wurde. Zahlreiche klassische Radiosender erweiterten ihr Angebot nur deshalb um einen Streaming-Sender, weil die Konkurrenz das ebenfalls tat. Kein Radiosender wollte gegenüber der Konkurrenz zurückfallen bzw. zum alten Eisen abgestempelt werden.

Allerdings hatte vor der Jahrtausendwende nur eine winzige Minderheit einen Internetempfang und das auch noch über ein Modem, sodass selbst diejenigen, die bereits als Vorreiter mit einem privaten Internetzugang gesegnet waren, den Dienst – wenn überhaupt – nur sehr eingeschränkt nutzen konnten. Erst als sich viele Jahre später die schnellen Breitbandanschlüsse durchsetzten, waren die Hörer in der Lage, das facettenreiche Angebot des Internetradios zu nutzen. Natürlich folgte der Durchbruch der Digitalisierung auch für das Internetradio, aber eben nicht in dem Tempo, das sich die ersten Jünger der schönen neuen Welt vorgestellt hatten, die sich in ihrer jugendlichen Ungeduld bereits zur Jahrtausendwende im Digitalzeitalter wähnten. Als die Blase der New Economy um die Jahrtausendwende platzte, war dies ein ähnliches Phänomen wie der Zusammenbruch der jungen Computerspielindustrie aus dem Jahr 1983, als dessen Symbol das unsäglich schlechte Spiel „ET“ galt, dass die Macher von Atari daraufhin schamhaft in der Wüste von New Mexico vergruben. Auch hier wurde eine kommende Entwicklung von den Fortschrittsfreunden zwar zurechtkommen gesehen, aber in ihrem Tempo überschätzt.

Der zweite Anlauf hat geklappt

Im ähnlichen Maß wie die Computerspiele setzte sich das Internetradio trotz der ersten Ernüchterung und in einem nachhaltigeren Tempo durch, das heute längst dem klassischen Radio den Rang abgelaufen hat. Die Vorteile gegenüber dem klassischen Radio sind vielfältig. Zunächst fällt eine unglaubliche Angebotsmenge auf, denn bereits deutlich mehr als 3000 unterschiedliche Anbieter von digitalen Radioprogrammen buhlen allein in Deutschland um die Gunst der Hörer. Die Vielfalt des Digitalradios spiegelt sich dabei nicht nur in den nackten Zahlen wider, sondern auch in der Themenvielfalt. Während sich früher die einzelnen Radioprogramme sehr ähnelten, ist heute für nahezu jedes Steckenpferd gesorgt. Egal, ob jemand gern die Musikrichtung Martial Industrial hört, eher auf Rock und Pop steht oder Oldies der 1950er Jahre favorisiert, in fast jedem Segment haben sich Enthusiasten gebildet, die für Gleichgesinnte ein digitales Angebot geschaffen haben, sodass diese von ihrer Musik nicht genug bekommen können. Durch die ständige Verbesserung der Internetzugänge ist das Programm zudem für die meisten Hörer vollständig rauschfrei und damit bei bester Qualität zu empfangen. Die Speicherung der besten Lieder ist auch hier auf Knopfdruck möglich, während die Musik durch das mobile Internet an jedem Ort genossen wird. Die durch die Digitalisierung des Radios rasant erweiterten Möglichkeiten sowie die kreativen Impulse haben dabei ironischerweise den in den 1970er Jahren befürchteten Tod des Radios abgewendet, das heute in seiner digitalen Form eine Renaissance feiert.

 

Bildquelle: Gerhard Gellinger /CC0 Creative Commons

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